manfred may

 

texte zu verschiedenen arbeiten

 

 

eigene texte:

XII

 

              • Nur das Sagbare sagen und darauf vertrauen, dass das nur aus Sagbarem bestehende Werk in seiner Geschlossenheit – und seiner Wortlosigkeit – mehr über das Unsagbare sagen wird, als versuchte ich, es direkt zu fassen.
              • Imre Kertész Galeerentagebuch

Bleiben – Vergehen

I

Mehrfach die gleiche Situation:

das Raster, streng, hart, zwingend - im Gegensatz die organische Form, lebendig, verletzlich, vergänglich.

Das gefundene Material bringt seine Herkunft, seine Geschichte, seine Biographie ein

Das Holz liegt offen, preisgegeben, oder geschützt; Zeit wird sichtbar werden im Bleiben oder Vergehen.

 (Aus dem Arbeitstagebuch, Juni 1997 -März 1998

 zu einer Arbeit für den Botanischen Garten der Uni Jena)

 

 

28. Juni 2008 Köln „Der Turm“

5 Etagen, gedacht als Kreuzweg, als unvollendet, wie bei mir immer

 „unvollendetes Kreuz“ – 1982

 „Kreuzfragmente“ – 1996

 „unbeendetes Tagebuch“ – fünf Fragmente, Gjirokastra, Albanien, 2000

 

  • Das Erzählen der Geschichten - auch der biblischen - bleibt folgenlos,
  • Wir hatten verabredet, nach der Nennung von Namen wie Auschwitz, Treblinka, Majdanek zu schweigen. Diese Namen waren das Schweigen.
  • Unsere Redseligkeit verdeckte die Stummheit. Wir erlaubten uns Bilder, Worte. Wir fühlten uns der Erinnerung sicher.
  • Zu unseren Sätzen kamen Bilder, alltäglich, kulinarisch. Das Sterben begleitet uns, ohne uns zu zerbrechen. Neue Namen. Nicht vergleichbar, und doch Verlängerung der imaginären Reihe: Bihac, Tuzla, Grosny. Das Schlachten begleitet uns, ohne uns zu zerbrechen.
  •         Dezember 1994
  • Wir hatten Zeichen mit einiger Verbindlichkeit. Das Kreuz. Durchstreichung des Lebens. Opfer. Überwindung. Deren Gültigkeit steht in Frage. Sinnloses Schlachten lässt die Zeichen verstümmelt.
  • Kreuze als Fragmente.
                  • 27.  Januar 1995
  • Wo aus der Ikonographie Würde des Todes gemeint werden durfte, ist uns das versagt. Vier Kreuze, vier „Kreuze“, gescheiterte Zeichen. „Der“ Gekreuzigte, das Individuum, der Corpus hat gewechselt zum Nichtidentifizierbaren, zum Anonymen, zum Fetzen.
  • Körperfragmente.
  • Der Kreuzweg nicht zu Ende.
  • Die Abläufe sind gestört, die Riten leer. Die Erinnerung trügt, bleibt vergeblich. Unsere unangemessenen Gesten erschrecken vor der Wirklichkeit. Unsere Handlungen erreichen sie nicht, bleiben hilf- und heillos.
  •         3. März 1995

wie einzigartig?

damals völlig verständlich: das Leiden hatte seine Einmaligkeit verloren. Hilflos flüsterten wir Namen Auschwitz, Majdanek, Buchenwald, Kolyma, Workuta

endlos müssten wir aufzählen.

 

Der Schmerz unserer Weigerung,

die Hilflosigkeit, „angemessen“ zu reagieren.

 

 

 

16. Juni 2001 Die Zahl 2

Das Eine und das Andere

Die Stimme Novalis’ und die eigene

Die Angst und ...

Der eine Ton, der in allen drei Teilen der Ausstellung schwingt als steter Unterton.

Die Stimme Novalis’ und die andere, uns nähere. Zweimal das Wort Angst, zweimal das Wort Nacht. Es führt kein Weg ums Aussprechen.

Die eine Hälfte ist. Sie ist Leben als objet trouvé, als ready made. Die andere Hälfte ist notwendige Ergänzung.

Sie negiert nicht, sie wiederholt. Sie wählt das gleiche Format.

 

 

wir Zuschauer

(das 20. Jahrhundert habe zwischen den eindeutigen Rändern von Opfern und Tätern den Zuschauer als Massenphänomen hervorgebracht)

das kaum ertragbare Stürzen, wieder, wieder

 

die Unfähigkeit, es ganz, als Ganzes zu sehen, zu meinen

Leben als Teil, als Bruchstück – dann die Suche, die Sucht – GANZ

 

ganz/brüchig – brüchig/ganz – Folge von Zeichnungen 2003

Fragmentierung 2005, 2014, 2017

 

            • Als uns das Weiße anfiel, nachts;
            • als aus dem Spendekrujg mehr
            • kam als Wasser
            • als das geschundene Knie
            • der Opferglocke den Wink gab:
            • Flieg! –
            • Da
            • war ich
            • noch ganz.
            • Paul Celan

Wie legitim ist das? Heilende Geste schreibt Ueli Kräuchi  über die ersten großen Glasarbeiten, dort, wo Schmutz und Zerstörung beantwortet wurden mit lediglich dem gleichen Format, dem gleichen Material, ohne eigene Geschichte und doch sofort im Bezug.

 

Arbeit an Polen: endlich/dauernd – 1997, bleibend – vergehend – 1998, das Eine, das Andere - Jakob Böhme – 2000 ff)

 

Die Suche nach Gebrochenem, ohne jede Lust am Morbiden.

         GANZ sagen

         GANZ sein

 

Die Un-FÄHIGKEIT, dem Zerstörten, Verletzten, Gefährdeten verstärkende oder bestätigende Gesten hinzuzufügen. Statt dessen die Suche, das Zerstörte für das Ganze zu sehen, das Verletzte für das Heile,  das Bewahrte in der Erosion

 

wohl: den Sinn im Sinnlosen.

Immer die Frage nach Legitimität in dieser Suche.

Die Leiden, nach deren Sinn überhaupt zu fragen uns die Worte im Halse stecken bleiben lässt.

 

 

Am Ende des Winters, wenn die Schneelast weicht, tauchen sie für eine kurze Spanne auf: Brüche, Knicke, Schrunden, Pressuren...

 

Kreuzweg – der Kanon - die Worte

Stationen

  Werkzeuge

Urteil

Spott   

  • Schweiß
      • Tuch
  •        Sturz

 

    

                  • vergossen bin ich wie Wasser
  •        

 

 

Nach Gehen

 

Am Beginn

die Ahnung – die Angst – die Einsamkeit

Verlassenheit, die nicht weichen wird

 

die Aufnahme (dies schon nicht mehr so)

die Stürze, die wieder gleichen

die Gesten, ungeheuerlich nah und fremd

die Begleitung (auch die wird enden)

 

Am Ende

erneut die Einsamkeit

   

        • ausgeschüttet
  • Stationen

  Etagen

 

der Weg ist zwangsläufig von unten nach oben, erst dann befragbar, umkehrbar

 

 

 

Etwas wieder tun

Die Wiederholung der Geste von 1995 führt nicht zum Gleichen.

Das Scheitern von damals ist nicht das gleiche wie heute.

Es gibt ein Inzwischen, ein Dazwischen.

 

Ich beginne, sehe Landschaft, sehe Landschaft im Frost, sehe Landschaft nach dem Winter, sammle, hebe auf

beginne in den Räumen zu leben, die Räume zu leben

 

lege etwas ab, etwas aus, benutze unspektakuläre leise Handlungen, bewege mich an der Schattengrenze, an der Schweigegrenze

gestatte, dass das Zusammengetragene die Sprache übernimmt

 

traue zu

 

 

 

Manchmal wie Heimat:

    Scheitern

    Unbetretbarer Raum

    Ich trug das Gras zusammen nach dem Winter

      • Bruchformen
      • Erosion
      • Perforation
  •    

 

 

 

 

Februar 2009, März 2018

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POETISCHE LANDSCHAFTEN I

 

 

OSSIP MANDELSTAM

geboren 1891 in Warschau

1933 schrieb Mandelstam ein Epigramm gegen Stalin, in dem er diesen als „Verderber der Seelen und Bauernabschlächter“ bezeichnete. Anfang 1934 wurde er verhaftet, seine Manuskripte beschlagnahmt. Der Untersuchungsrichter sprach von einem beispiellosen konterrevolutionären Dokument. Während der Haft in Tscherdyn (Ural) stürzt sich Mandelstam aus dem Fenster des Krankenhauses, überlebt den Selbstmordversuch aber. Stalin gab daraufhin in einem ‚Anfall perfider Milde die Direktive „Isolieren, aber erhalten“ aus. Ende Juni 1934 traf die Familie im Verbannungsort Woronesch ein. Hier entstanden die letzten Gedichte, die „Woronescher Hefte“, dem auch das hier gezeigte Gedicht entstammt. Die etwa 100 G3edichte sind Summe und Vermächtnis. Versammlung des eigenen Schaffens wie der es nährenden europäischen Kultur, Versammlung der gegen den Koloss der Stalin-Epoche Verbündeten. Dass hier ein Bedrohter und Ein gekreister spricht, bleibt immer deutlich, auch wenn er beharrlich den Atem, die Weite, den Raum beschwört. Die Gedichte jedoch nur als Illustration eines geschundenen Lebens zu lesen, würde ihre Bedeutung verkennen. Das Universum der Woronescher Hefte lässt sich nicht auf ein Schattenreich beschränken; die ständige Gegenwart der Gegenkraft ist nie abzuleugnen.

Ossip Mandelstam ist im Dezember 1938 in einem Zwangsarbeitslager in der Nähe von Wladiwostok gestorben.

Sein Werk wird erst seit der „Glasnost“-Zeit auch in Russland veröffentlicht; Teile des Werks allerdings bis heute nicht. DDR-Ausgaben streifen die Biografie nur.

 

 

ANNA ACHMATOWA

 

geboren 1889  in Bolschoj Fontan bei Odessa

Ihr erster Mann, der Dichter Nikolaj Gumiljow, wurde 1921 als „Konterevolutionär“ erschossen; ihr letzter Mann Nikolaj Punin wurde in ein Lager verschleppt,; ihr einziger Sohn, der Historiker Lew Gumiljow, wurde während Stalins „Säuberungsaktionen“ dreimal inhaftiert (1935, 1938, 1948) und kam erst 1956 nach 15 Jahren Zwangsarbeit frei. Ihre Beziehung zu dem englischen Philosophen Isaiah Berlin löste 1946 den „Schdanow-Skandal“ aus. Schadanow war Leiter der Propagandaabteilung des Zentralkomitees der KPdSU ächtete Achmatowa als „reaktionäre, kosmopolitische Salonliteratin“, als „Entwurzelte, Nonne und Hure zugleich“. Nach ‚Schdanows und Stalins Tod erschienen ihre Gedichte wieder (1958).

Der Zyklus „Requiem“, das der Verhaftung des Sohnes gewidmet ist, erschien in der UdSSR bis zu deren Ende nicht

„Statt eines Vorworts“ schrieb sie am 1. April 1957 in Leningrad:

  • In den schrecklichen Jahren unter Jeshov habe ich siebzehn Monate schlangestehend vor den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Einmal erkannte mich jemand irgendwie. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die natürlich niemals meinen Namen gehört hatte, aus der uns allen eigenen Erstarrung und fragte mich leise (dort sprachen alle im Flüsterton):
  • „Und das können Sie beschreiben?“
  • Und ich sagte:
  • „Ja.“
  • Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.
  • Die DDR-Ausgaben von Gedichten der Achmatowa erschienen mit umgedeuteter Biografie.

Anna Achmatowa starb 1966 Domodjedowo bei Moskau.

 

 

GENNAIDJ AJGI

 

geboren 1934 in Schajmurshino an der mittleren Wolga

Ajgi, geboren in der von 1,5 Millionen Einwohnern besiedelten Autonomen Tschuwaschenrepublik veröffentlicht seit 1949. Er studierte ab 1953 am Moskauer Literarischen Institut, wo sein Gedichtmanuskript vom Wissenschaftlichen Rat des Instituts als Diplomarbeit verworfen wurde. Seit 1960 schreibt er russisch. 1991 wurde erstmals eines seiner Werke in Russland veröffentlicht. Zuvor hatte sich das ‚Ausland (Polen, Tschechoslowakei, Bundesrepublik Deutschland, Ungarn, Jugoslawien, Frankreich, südamerikanische Staaten) des Werks angenommen.

Zu Zeiten der Sowjetunion schrieb der Lyriker Ajgi außerhalb der monolithischen Mitte, am Rande ihrer Sprache und Grenzen. Seine Gedichte waren ein Phänomen der äußersten Nonkonformität. Sie sind ein Komplementärfarbe zu einem Einheitsbild. Sie verweigern sich jeder Agitation, sie sind kein Ausdruckstanz und keine Bildungsdichtung. Sie sind äußerst sublime und intime Zeugnisse eines Rechenschaftsberichtes geistigen Standhaltens.

 

 

In der dritten Auflage des Ausstellungsprojektes EINSCHLUSS steht das Wort von Dichterinnen und Dichtern im Vordergrund. Poesie wird gesehen als starke Gegenkraft zu Gewalt, Repression, äußerster Einschränkung der individuellen Rechte – also all dem, was die Ausstrahlung, die Ausdünstung der ehemaligen Stasi-U-Haft ausmacht.

Im dritten Jahr können sich Stimmen entfalten, die sensibel  und beharrlich-still die Existenz einer poetischen Gegenwelt zur Diktatur des Lauten und Gewalttätigen behaupten. Verräterisch schlagen aus den Texten Worte, die das Entstehen der Gedichte in und trotz einer bedrängenden Wirklichkeit beweisen. Menschlichkeit, Zärtlichkeit, Reichtum der Sprache begeben sich in einen kaum stärker vorstellbaren Gegensatz zur eindimensionalen und dumpfen Herrschaftssprache.

 

Den Gedichten sind in einer Art poetischer Korrespondenz Räume mit Installationen zugeordnet, die sich als „poetische Landschaften“ verstehen.

Die künstlerischen lnterventionen  treten hinter den Text zurück; ohne die Dichtungen wären sie nicht entstanden.

 

Manfred May, Juni 2007

 

 

POETISCHE LANDSCHAFTEN II

 

 

VAXHID XHELILI

 

geboren 1960 in Lluçan, Südserbien

 

Vaxhid Xhelili kommt aus einem Landstrich, den die einen Südserbien, die anderen Ost-Kosova nennen. Bei der Beurteilung der Lage der Menschen dort waren serbische Menschenrechtsaktivisten wie Nataša Kandić bereits zu Zeiten des serbischen Schreckensherrschers Milošević nicht regierungskonform, wenn sie die Lage der Albaner in Südserbien als als schwierig und problembehaftet beschrieben, besonders wegen der Verdrängung der Albaner aus dem öffentlichen Dienst und wegen des Einsatzes der berüchtigten serbischen Sonderpolizei.

1989 kam er als Saisonarbeiter in die Schweiz, betrieb von dort aus den Aufbau eines Kulturzentrums „Dichterhaus Balada“ in seiner Heimat, um der albanischen Bevölkerung die eigene Sprache und Kultur wieder zu geben und den Anschluss an die europäische Kultur zu schaffen. Das Vorhaben scheiterte durch den Krieg in Kosova; nach Wochen Unsicherheit über deren Verbleib konnte Xhelili seine Familie in die Schweiz nachholen. Die Anstrengungen für das Kulturzentrum hat er inzwischen wieder aufgenommen.

Vaxhid Xhelili gehört jener neuen Dichtergeneration an, die jetzt mit viel Erfolg an die grosse Zeit der albanischen Lyrik anknüpft. Sie ist aus einer reichen mündlichen Tradition hervorgegangen und gewinnt ihre spezifische Modernität aus deren archaischen Wurzeln: Eine Wortkunst ohne Ballast, in der jedes Wort, jede Silbe Gewicht hat. Vaxhid Xhelili breitet in seinen Gedichten einen wahren Schatz an unverbrauchten Bildern, Symbolen und Metaphern aus, um seine Welt zu beschwören. Seine Welt, die geografisch und biografisch ebenso in der Schweiz liegt wie in der albanischen Kultur in Südserbien. Von Basel bis Prishtina besingt er die Geliebte, die Sehnsucht, Landschaften — oder begegnet politischen Demonstranten und Beamten hinter ihren Schreibtischen mit heilsamer Ironie. Vaxhid Xhelili studierte albanische Sprache und Literatur in Prishtinë, kam 1989 als Saisonnier in die Schweiz. Auf Albanisch sind von ihm die beiden Gedichtbände «Malli për Etlevën» und «Pasqyra e mërzisë» erschienen, auf Deutsch ausgewählte Gedichte in der Anthologie «Küsse und eilige Rosen». und der Band "Sehnsucht nach Etleva", Limmat Verlag, Zürich. Er wurde in zahlreichen Anthologien und literarischen Zeitschriften veröffentlicht.

Immer wieder thematisiert er die Sehnsucht nach seiner albanischen Welt, wird er zum Chronisten des Unterdrückungsjahrzehnts 1989 bis 1999. Er schreibt „ohne Larmoyanz und Trivialpathos“, selbst wenn er der Verkörperung seiner albanischen Welt den illyrischen Namen Etleva gibt.

 

Die Räume zu Gedichten von Vaxhid Xhelili entstanden in  einem gemeinsamen Arbeitsprozess; seine Texte setzt er in drei Räumen dem Einfluss der Zelle aus, splittert sie auf, lässt die Gedichte zu einem Textraum werden, in dem wir uns lesend bewegen und Text und Raum  zu einem gemeinsamen Eindruck erleben.

 

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zu Warlam Schalamow:

 

 

Der Tag

Der 1. August gilt einer Vereinbarung nach als der Tag, an dem der Opfer des Aufstandes in den Lagern von Workuta gedacht wird. Die Zahl der Opfer unter den Häftlingen wird mit 64 angegeben

 

Der Ort

Workuta ist ein Teil des stalinistischen, sowjetischen Lagersystems – des GU LAG. Ohne die Erinnerung an die Qualen der in diesen Lagern untergebrachten Menschen ist die Erinnerung an die Sowjetunion defizitär. Das den „Helden der Völker der Sowjetunion“ gewidmete Denkmal in Suhl hat diese Perspektive grundsätzlich und von Beginn an ausgeschlossen. Es ist wie kein anderer Ort in Suhl geeignet für die Rückgewinnung der unfragmentierten und unzensierten Erinnerung.

 

Die Gesten

Der Geste der Macht antwortet die der Zerbrechlichkeit.

Der Anmaßung der Dauer antwortet Vergänglichkeit

Der Monumentalität antwortet Fragilität.

Der Eindimensionalität antwortet Offenheit.

 

Ein Ort kann auf die Veränderung seiner Ausstrahlung befragt werden. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang, ob die Umwidmung eines Monumentes der Macht

In einen Platz für die Artikulation der ehemals Machtlosen gelingt.

 

 

Manfred May

Benshausen, 1. August 2008

 

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zum LESELAND-projekt:

LESELAND

 

  Leseland ist eine Bezeichnung, die die DDR sich selbst lobend,  für sich beanspruchte. Man könnte viel über diesen verquasten Anspruch sagen; letztendlich war das Lesen umzäunt wie das Land selbst. Der Umgang mit dem Wort gehörte zu den am meisten beargwöhnten menschlichen Äußerungen.

In unserem Zusammenhang steht die sprachliche Prägung ironisch als Titel über einer Folge ungewöhnlicher Lesungen. Das Wort steht für die ungeheure Fülle schriftlichen Materials, das die Stasi über Menschen angesammelt hat.

Eine Bedeutung bekommt es aus der nur schwer vorstellbaren ameisenhaften Anstrengung, die es gemacht haben muss, diese Informationen zu lesen, „auszuwerten“.

Eine zweite Bedeutung wächst dem titelgebenden Wort aus der nun mehr 15 Jahre bestehenden gesetzlich verbrieften Möglichkeit zu, die „eigene“ Akte lesen zu können.

Es ist zu verstehen als emanzipatorischer Akt, als das Zurückgewinnen der Selbstbestimmung über die eigene Biografie.

Die Bereitschaft, das Material öffentlich zu machen, es zum Gegenstand von Lesung und Gespräch zu machen, ist ein weiterer Schritt. Er scheint angesichts der defizitären Qualität der Diskussion in der Öffentlichkeit notwendig.

In der alltäglichen Erfahrung Betroffener ist eine Christel Wegner kein Unfall und kein Einzelfall. Sie erfahren das Leugnen und Verharmlosen der zweiten deutschen Diktatur und ihres Emblems Stasi in ihrer unmittelbaren Umgebung täglich.

 

 

LESELAND

Wir sind es gewohnt, den Inhalt der Akten in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen über die Arbeit der Stasi oder über das Schicksal der von ihr „Bearbeiteten“ zu stellen. Das von der Stasi angelegte Material begegnet uns dann im Dokumentenanhang von Publikationen oder als Zutat in Ausstellungen.

Gegenstand unserer Lesungen sollen aber nicht vordergründig die „Fälle“ sein, mehr oder weniger spektakuläre Geschichten, Episoden, Anekdoten aus dem Leben mehr oder weniger Prominenter.

Die Lesereihe legt demgegenüber den Fokus auf das alltäglich und allgegenwärtige Misstrauen der Diktatur und auf dessen Sprache. Es ist die Sprache, die die Stasi und die mit ihr Kollaborierenden als angemessen erachteten in Bezug auf Beobachtete, Beargwöhnte, Verfolgte, Zersetzte.

Dabei ist ein Satz wie der des Historikers Ulrich Herbert, dass die Nazidiktatur Leichenberge, die kommunistische deutsche Diktatur jedoch Aktenberge hinterlassen habe, zu überprüfen. Er wird sich, so die These der Veranstalter, als verschleiernd, zynisch und wirklichkeitsfern erweisen.

 

 

LESELAND

Dass sich heute in aller Regel körperlich Unversehrte über die Texte beugen, sagt nichts über die Gewalt und zerstörerische Kraft, die von diesen ausgeht.

Diese Texte können - könnten - gelesen werden als Mitteilungen mit häufig banalem Inhalt. Dies wird von den „Autoren“ auch stereotyp für die eigene Entschuldung ins Feld geführt. Jeder der vorgestellten Texte – geschrieben immer in einer konspirativen Beziehung und als Waffe absoluter staatlicher Macht gegenüber einem Individuum – kann aber auch gelesen werden als ungeheuerliche Grenzüberschreitung:

Ein noch so kleiner Gegenstand entwickelt, aus großer Höhe fallen gelassen, kaum glaubliche zerstörerische Wirkung. Jede der dem MfS überlassenen Informationen – mag sie scheinbar noch so unbedeutend sein - entstammt dem Verrat einer Beziehung, des Vertrauens, der Intimität. Und sie stellt immer unmittelbaren Anschluss an die zentralen und zentralistische Macht der totalitären Diktatur her. Sie wird zum Steinchen, das fallen gelassen werden kann  , so intim ihr Ursprung in der Beziehung zwischen Menschen – und deren Verrat - ist, Eine größere Fallhöhe ist kaum zu denken!

Jede einzelne dieser Mitteilungen ist geeignet, nicht nur Regeln, Verlässlichkeiten, Vertrauen innerhalb zwischenmenschlicher Kommunikation und Beziehung aufzulösen, sondern ebenso individuelle, private, intime Existenz zu zerstören, letzte geschützte Rückzugs- und Schlupfwinkel werden staatlicher Einsicht und damit staatlichem Zugriff preisgegeben.

 

 

LESELAND

Ihre spezielle Wirkung, ihre ganz spezielle Qualität ziehen diese Texte, besonders die von inoffiziellen Mitarbeitern, aus der Bereitwilligkeit, Beobachtungen, Befindlichkeiten, Urteile, Vorurteile auszusprechen.

Wie eine teuflische Persiflage auf das „Greif zur Feder Kumpel“, mit dem man das literarische „Volks“-Schaffen anfeuern und das geschriebene Wort dem alleinigen Tun politisch unzuverlässiger Literaten entziehen wollte, mutet das Schriftgut an, das in unvorstellbaren Massen für das MfS entstand. Ohne jeden literarischen Anspruch geschrieben, nie zur Veröffentlichung gedacht, ist es unglaublich nah an der gesellschaftlichen Wirklichkeit: Menschen definieren für einen und mit einem Geheimdienst ihre Beziehung zu Mitmenschen. - nicht mehr und nicht weniger. Anhand von Sachzeugen entsteht ein Bild der real existierenden DDR. Für den Anspruch, den der sozialistische Realismus erfüllen sollte, wäre das viel gewesen.

 

 

LESELAND

 Wir – die Veranstalter – versprechen sich von der Veranstaltungsreihe und der Methode, die Texte sozusagen „rein“ als freigelegte Fundstücke vorzustellen, sie nicht von vornherein in Kommentare, Interpretationen einzubetten, eine Sensibilisierung für Sprache und Menschenbild eines Systems, das in eben diesen Ausformungen noch lange nicht als überwunden gelten darf. Wiederholtes und genaues Lesen ist nicht nur für die Betroffenen ein Akt der Emanzipation.

 

 

auszug aus dem doppelinterview ueli o. kräuchi, gert neumann, manfred may (publiziert im katalog “raster namen schatten steine” 2000)

 

U.O.K.:Manfred May, Sie verknüpfen Ihre ‚Werke häufig mit Texten. Wie läuft dieser Prozess ab? Ist es ein Rekurrieren auf die Bildtradition des Abendlandes, die von der Kunstvorstellung der italienischen Renaissance geprägt ist, der Wortkultur des Humanismus? Konkret gefragt: Gibt es eine Art „Textvorlage“, die als ‚Basis für die Bildfindung dient?

 

Manfred May: Nein, es ist nicht so, dass ich Texte sehe und sie dann im Sinne eines Konzeptes für die Bildfindung einer Arbeit verwende. Der Arbeitsprozess ist viel komplizierter. Texte sind durch Lesen latent vorhanden. aber es besteht noch gar nicht die Absicht, sie in irgend eine Arbeit einzubeziehen. Sie sind so präsent wie das Material, das ich für meine Arbeit verwende, d.h. ich lasse sie in ähnlicher Weise auf mich wirken: Auch ein Stück Glas oder ein Stück Papier mit seinen vorgefundenen Benutzungsspuren sind für mich Gegenüber , die ich nach einem behutsamen Prozess der Annäherung bloß minimalen Veränderungen unterwerfe, wenn ich sie in meinen Arbeiten in einen neuen Zusammenhang führe. Wie ich beim Material Respekt vor seiner Geschichte habe, leitet mich beim Umgang mit dem Text die Achtung vor der geistigen Leistung des Anderen. Diese Achtung lässt mich erst im Stadium einer großen Vertrautheit zu einem Text greifen, und zu einem Zeitpunkt, in dem das eigene Werk sich bereits in einem fortgeschrittenen Zustand befindet. Die von mir vorgenommene Veränderung des Textes besteht dann einzig darin, dass ich ihn aus seinem Kontext löse und mit meiner Arbeit verknüpfe. Dabei wird der Text zu einem unverzichtbaren Teil meiner Arbeit. Dieses Aufeinandertreffen zweier poetischer Existenzen ist mir wichtig.

 

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bodenskulptur im botanischen garten jena

 

Bleiben/Vergehen I-V - 1998

 

I

Fünffach die gleiche Situation:

das Raster, streng, hart, zwingend - im Gegensatz die organische Form, lebendig, verletzlich, vergänglich.

Das gefundene Material bringt seine Herkunft, seine Geschichte, seine Biographie ein

Das Holz liegt offen, preisgegeben, oder geschützt; Zeit wird sichtbar werden im Bleiben oder Vergehen.

 (Aus dem Arbeitstagebuch, Juni 1997 -März 1998)

 

 

II

Steinstreifen, beetähnlich, im gleichen Format, zusammengefügt aus Ziegeln des ewig gleichen Formats, starre Struktur.

Eingebettet - gleichzeitig geschützt und beengt - zerbrechliche Stäbe, Fundstücke aus der Natur:

Entweder offen, der Witterung preisgegeben, oder behaust, wie Kostbares bewahrt.

Veränderung, Vergehen ist Bestandteil der Arbeit: das Wirken der Zeit

 (Aus dem Arbeitstagebuch, Juni 1997 - März 1998)

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texte anderer:

OSSIP MANDELSTAM

 

ICH ENTWERF ES NUR, sag es dir flüsternd,

Denn die Zeit dafür ist noch nicht reif.

Spiel des Himmels  tief unbewußt ist er

Wird durch Schweiß und durch Weisheit erreicht.

 

Unterm vorläufigen Fegfeuerhimmel

Geht das Gedächtnis uns allzuoft aus:

Dieses glückliche Himmelsrauminnre

Ist uns weitgespannt, ein Leben lang Haus.

 

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ANNA ACHMATOWA

9 (aus Requiem)

 

Schon hat der Wahnsinn mit einem Flügel

Die Hälfte der Seele bedeckt.

Und tränkt mit feurigem Wein

Und lockt mich in das dunkle Tal.

 

  • Und ich verstand, daß ich
  • Den Sieg ihm überlassen soll,
  • Und folge meinen
  • Schon fremden Fieberphantasien.

Und nichts gestattet er

Mir dahin mitzunehmen

(Wie sehr ich ihn auch bitte

Und lästig bin mit Flehen):

 

  • Nicht des Sohnes Schreckensaugen
  • Das erstarrte Leiden,
  • Nicht den Tag, als das Gewitter kam,
  • Nicht die Wiedersehensstunde im Gefängnis,

Nicht die Kühle lieber Hände,

Nicht der Linden bewegte Schatten,

Nicht den fernen leichten Klang

Die Worte letzten Trostes.

 

4. Mai 1940

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VAXHID XHELILI

 

Das Dach: Eis

 

Stöhnen

Erstirbt in der Sonnenoase

Umgeben von Kristallmauern

 

Leichen streichelst du

In Metropolen

Erwürgter Wünsche

 

Unter eisigem Dach

Decke ich der Generation den Tisch

In der Fremde.

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VAXHID XHELILI

 

Schwarzer Regen

 

Tropft schwarzer Regen

In jedem Augenblick

Ändert sich dann die Körpertemperatur

 

Überm Ufer

Werden Vorhänge antiker Theater aufgezogen

Was gespielt wird –

Zu wissen vermag es

Gott allein

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VAXHID XHELILI

 

Am Anfang

 

Am Anfang war die Freiheit

Ich pflückte den Apfel vom Ast

Den Durst löschte ich an der Quelle.

 

Es gab keinen Kühlschrank

Lebende Leichname schlichen nicht durch die

Strassen

 

Am Anfang flocht man den Geburten einen

Rahmen

Mit wilden Blumen

Starb einer raufte man sich die Haare aus

 

Niemanden fröstelte

Auf Begegnungshügeln

 

Am Anfang war die Freiheit

Mit dem Tosen von Wasser begann ich den Traum

Die Morgenröte mit dem Gesang von Vögeln

 

Am Anfang war das Volk kein großer Teller

Zum Umrühren der Löffel

Und der Staat kein Käfig

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Warlam Schalamow

 

Durch den Schnee

 

 

Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tierschnee. Der Mann läuft weit vor und markiert seinen Weg mit ungleichen schwarzen Löchern. Er wird müde, legt sich in den Schnee, steckt sich eine Papirossa an, und Machorkarauch schwebt als blaues Wölkchen über dem weißen funkelnden Schnee. Der Mann ist schon weitergegangen, doch das Wölkchen steht noch immer dort, wo er verschnauft hat – die Luft ist beinahe unbewegt. Wege legt man stets an stillen Tagen an, damit die winde die menschliche Arbeit nicht verwehen. Der Mann sucht sich seine Punkte in der Unendlichkeit des Schnees: einen Fels, einen hohen Baum – der Mann lenkt seinen Körper durch den Schnee, wie ein Steuermann sein Boot über den Fluß lenkt, von Landzunge zu Landzunge.

Auf der schmalen und flüchtigen Spur folgen fünf, sechs andere, Schulter an Schulter. Sie treten um die Fußspur herum, nicht hinein. An der zuvor bezeichneten Stelle angekommen, machen sie kehrt und laufen wieder so, dass sie frischen Schnee berühren, eine Stelle, die der Fuß des Mannes noch nicht betreten hat. Der Weg ist gebahnt. Nun  können ihn Menschen, Schlittenzüge, Traktoren nehmen. Geht man den Weg des ersten in seinen Fußstapfen, entsteht eine erkennbare, doch kaum begehbar schmale Fährte, ein Fußpfad, kein Weg – Löcher, in denen es sich schwerer läuft als im unberührten Schnee. Der erste hat es am schwersten, und wenn seine Kräfte erschöpft sind, geht ein anderer vom selben Fünfervortrupp voran. Von denen, die der Spur folgen, muß jeder, selbst der Kleinste und Schwächste, auf ein Stückchen unberührten Schnee treten, nicht in die fremden Fußspuren. Auf Traktoren und Poferden kommen nicht die Schriftsteller, sondern die Leser.

 

1956

 

 

Warlam Schalamow

Was ich im Lager gesehen und erkannt habe (Auszüge)

 

Die außerordentliche Fragilität der menschlichen Kultur und Zivilisation. Der Mensch wurde innerhalb von drei Wochen zur Bestie – unter Schwerarbeit, Kälte, Hunger und Schlägen. (1)

 

Ich habe erkannt, dass der Mensch sich am längsten  die Erbitterung bewahrt. Das Fleisch an einem hungrigen Menschen reicht nur für Erbitterung – allem anderen gegenüber ist er gleichgültig. (4)

 

Ich habe den Unterschied erkannt zwischen einem Gefängnis, das den Charakter stärkt, und dem Lager, das die menschliche Seele zersetzt. (5)

 

Ich habe erkannt, dass man aus der Erbitterung leben kann. (16)

 

Ich habe erkannt, dass man aus der Gleichgültigkeit leben kann (17)

 

Ich bin stolz, dass ich gleich zu Beginn, schon 1937, beschlossen habe, niemals Brigadier zu werden – wenn mein Wille den Tod eines anderen Menschen herbeiführen kann, wenn mein Wille der Leitung dienen soll, indem er andere Menschen, ebensolche Arrestanten wie mich – unterjocht. (19)

 

Meine körperlichen wie auch meine geistigen Kräfte haben sich in dieser großen Prüfung als stärker erwiesen, als ich dachte, und ich bin stolz, dass ich niemanden verkauft, niemanden in den Tod, in- eine Haftstrafe geschickt, dass ich niemanden denunziert habe. (20)

 

Ich habe erkannt, dass man die Welt nicht in gute und schlechte Menschen einteilen muß, sondern in Feiglinge und Nichtfeiglinge. Die 95% der Feiglinge sind bei geringer Gefährdung zu jeder Gemeinheit bereit, zu tödlicher Gemeinheit. (31)

 

Ich bin überzeugt, dass das Lager – immer – eine negative Schule ist, auch nicht eine Stunde darf man darin verbringen – es ist eine Stunde der Zersetzung. Niemandem hat das Lager jemals etwas Positives gegeben und geben können. Auf alle – Häftlinge wie Freie – wirkt das Lager zersetzend. (32)

 

Daß es im Lager keine Verbrecher gibt, sondern dort Leute sitzen, die mit dir waren (und das morgen wieder sein werden), die das Gesetz nicht überschritten haben und innerhalb seiner Grenzen ergriffen wurden. (38)

 

Ich habe verstanden, was Macht bedeutet und was ein Mann mit Gewehr. (43)

 

Daß die Maßstäbe verschoben sind und dies das Hervorstechendste am Lager ist. (44)

 

1961

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